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"Nach der Steuersaison bin ich komplett im Eimer. Aber nächste Woche geht's schon wieder los."
Wenn dir dieser Satz bekannt vorkommt, bist du nicht allein. Als Steuerberater bewegst du dich in einer Branche, die von Natur aus stressig ist: Monatliche Deadlines, Jahresabschlüsse, Steuererklärungen, Mandanten, die "es gestern brauchten" – und das Ganze bei null Fehlertoleranz.
Aber hier ist die unbequeme Wahrheit: Deine Branche macht dich krank.
Nicht weil du zu schwach bist. Nicht weil du nicht gut genug organisiert bist. Sondern weil die Struktur der Steuerberatung systematisch gegen deine mentale Gesundheit arbeitet.
In diesem Artikel erfährst du:
Warum Steuerberater ein besonders hohes Burnout-Risiko haben
Welche Persönlichkeitsmerkmale dich zusätzlich gefährden
Was du konkret tun kannst, um gesund und leistungsfähig zu bleiben
Wie du Grenzen setzt, ohne Mandanten zu verlieren
Dieser Artikel basiert auf dem Interview mit Ann-Katharin Lorenzen (Psychologin M.Sc., systemischer Coach) im Podcast "Zukunft Steuerberatung".
Warum die Steuerberatung mental so herausfordernd ist
Die Deadlines hören nie auf
Das Besondere an der Steuerberatung: Du hast keine Atempause.
Während Anwälte zwischen großen Fällen durchschnaufen können und Unternehmensberater nach Projektabschluss regenerieren, läuft bei dir das Hamsterrad ohne Unterbrechung:
Monatlich:
Umsatzsteuervoranmeldungen
Lohnabrechnungen
Betriebsprüfungen
Quartalsweise:
Quartalsabschlüsse
Umsatzsteuervoranmeldungen (vierteljährlich)
Jährlich:
Steuererklärungen (März-Juli = Hochsaison)
Jahresabschlüsse (November-Mai)
Steuergestaltungsberatung zum Jahresende
Zwischen diesen Deadlines: Ad-hoc-Anfragen, Betriebsprüfungen, Mandantentermine.
Das Problem: Es gibt keinen Zeitpunkt im Jahr, an dem "alles erledigt" ist. Kaum ist eine Deadline vorbei, steht die nächste an.
Die Persönlichkeitsfalle: Warum gerade DU gefährdet bist
Nicht jeder Mensch wird Steuerberater. Die Berufswahl ist kein Zufall – sie passt zu bestimmten Persönlichkeitsmerkmalen:
Typische Eigenschaften von Steuerberatern:
✅ Gewissenhaftigkeit – Du machst Dinge gründlich und zuverlässig
✅ Pflichtbewusstsein – Deadlines sind für dich heilig
✅ Leistungsorientierung – Du willst Ergebnisse sehen
✅ Detailorientierung – Fehler sind für dich inakzeptabel
✅ Verantwortungsgefühl – Du weißt, was auf dem Spiel steht
Klingt perfekt für den Job, oder?
Ja. Aber genau diese Eigenschaften machen dich auch besonders anfällig für Burnout.
Warum? Weil Menschen mit hoher Gewissenhaftigkeit:
Schwerer Nein sagen können
Sich selbst unter enormen Druck setzen
Auch bei Überlastung weiterarbeiten (und sich dabei noch schlecht fühlen)
Perfektionismus entwickeln, der krank macht
Die Studienlage ist klar: Gewissenhafte, pflichtbewusste Menschen haben ein signifikant höheres Risiko für stressbedingte Erkrankungen.
Die toxische Kombination: Verantwortung ohne Kontrolle
Was Steuerberatung zusätzlich belastend macht:
Du trägst enorme Verantwortung:
Falsche Steuererklärung? Mandant zahlt zu viel – oder bekommt Ärger mit dem Finanzamt
Fehler im Jahresabschluss? Kann Existenzen gefährden
Versäumte Frist? Verspätungszuschläge, Zwangsgelder
Aber du hast wenig Kontrolle:
Mandanten liefern Unterlagen zu spät
Finanzämter ändern kurzfristig Anforderungen
Gesetzesänderungen kommen überraschend
Du kannst nicht steuern, wie viele Notfälle gleichzeitig reinkommen
Aus der Arbeitspsychologie wissen wir:
Hohe Verantwortung + geringe Kontrolle = einer der stärksten Prädiktoren für Burnout.
Genau das ist dein Arbeitsalltag.
Die Busy Season: Wenn aus Belastung Überlastung wird
Steuersaison = systematische Selbstausbeutung
Von März bis Juli läuft die Steuersaison. Für viele Steuerberater bedeutet das:
60-80 Stunden pro Woche (teilweise mehr)
Wochenendarbeit ist Standard
Urlaub? Undenkbar
Feierabend? Gibt's nicht
"Das gehört halt dazu", sagst du vielleicht.
Aber hier ist die Wahrheit: Dein Körper ist nicht dafür gemacht, 4-5 Monate am Stück im Dauerstress-Modus zu laufen.
Was in deinem Körper passiert (wissenschaftlich):
Phase 1 (Woche 1-4): Adrenalin-Push
→ Du fühlst dich produktiv, vielleicht sogar energiegeladen
Phase 2 (Woche 5-12): Cortisol-Dauerfeuer
→ Chronisch erhöhter Cortisol-Spiegel
→ Schlafprobleme beginnen
→ Konzentration lässt nach (du liest Texte mehrfach)
Phase 3 (ab Woche 13): Erschöpfung
→ Immunsystem im Keller (du wirst häufiger krank)
→ Emotionale Erschöpfung (Zynismus gegenüber Mandanten)
→ Kognitive Probleme (Vergesslichkeit, Entscheidungsschwierigkeiten)
Phase 4 (nach der Saison): Crash
→ Körper schaltet ab, sobald der Druck weg ist
→ "Urlaub verbringen, um zu regenerieren" = kein Urlaub
Das Problem: Die nächste Busy Season kommt in 8 Monaten.
Warnsignale: Wann wird aus Stress Burnout?
Die schleichende Gefahr
Burnout kommt nicht über Nacht. Es ist ein Prozess – und die meisten merken es zu spät.
Typische Entwicklung bei Steuerberatern:
Phase 1: Der Enthusiast
"Ich liebe meinen Job. Die Steuersaison ist anstrengend, aber machbar."
Warnsignal: Du arbeitest freiwillig am Wochenende und denkst, das sei normal.
Phase 2: Der Getriebene
"Nach dieser Saison wird's entspannter." (Wird es nicht.)
Warnsignale:
Schlafprobleme (aufwachen um 3 Uhr, grübeln über Fälle)
Gereiztheit bei Kleinigkeiten
Konzentrationsschwierigkeiten
Rückzug von Freunden ("Keine Zeit")
Phase 3: Der Erschöpfte
"Ich bin ständig müde, auch nach Urlaub."
Warnsignale:
Chronische Müdigkeit
Häufige Infekte
Zynismus ("Schon wieder der Mandant mit seinen chaotischen Unterlagen...")
Emotionale Taubheit
Phase 4: Der Totalausfall
"Ich kann nicht mehr. Krankschreibung."
Im Durchschnitt: 43 Fehltage pro Burnout-Fall.
Die 3-Uhr-morgens-Regel:
Wenn du regelmäßig nachts aufwachst und über die Arbeit grübelst, ist das kein "normaler Stress" mehr. Das ist dein Nervensystem im Dauerstress-Modus.
Was NICHT funktioniert (und warum du trotzdem immer wieder darauf reinfällst)
Mythos 1: "Ich brauche einfach mal Urlaub"
2 Wochen Malediven nach der Steuersaison – klingt gut, oder?
Die Realität: Innerhalb von 3 Tagen nach Rückkehr bist du wieder am selben Punkt.
Warum? Weil Urlaub Symptome lindert, nicht Ursachen behebt. Burnout ist kein leerer Akku, den du aufladen kannst. Es ist ein systemisches Problem.
Mythos 2: "Ich muss besser organisiert sein"
"Wenn ich nur effizienter wäre, würde ich alles schaffen."
Die Wahrheit: Du hast bereits alle Produktivitäts-Apps durch. Das Problem ist nicht deine Ineffizienz. Das Problem ist die schiere Menge an unrealistischen Erwartungen.
Mythos 3: "Sport und gesunde Ernährung reichen"
Joggen hilft. Grüne Smoothies helfen. Aber sie sind keine Lösung für strukturelle Überlastung.
Es ist, als würdest du versuchen, ein sinkendes Schiff mit einem Teelöffel auszuschöpfen.
Was wirklich hilft: Die zwei Säulen gesunder Leistungsfähigkeit
Säule 1: Bewusstsein – Erkenne deine Grenzen, bevor dein Körper sie erzwingt
Der erste Schritt: Ehrliche Selbsteinschätzung.
Stelle dir diese Fragen:
✅ Wie geht es mir wirklich?
Nicht "Ich funktioniere noch" – sondern: Bin ich erschöpft? Schlafe ich schlecht? Bin ich gereizt?
✅ Wo stehe ich gerade?
Phase 1 (Enthusiast), Phase 2 (Getrieben), Phase 3 (Erschöpft)?
✅ Was sind meine persönlichen Frühwarnsignale?
Bei manchen: Schlafprobleme. Bei anderen: Zynismus. Bei dir?
Wichtig: Stress per se ist nicht schlimm. Wir Menschen brauchen Belastung. Aber wir brauchen auch Entlastung.
Die Frage ist nicht: "Habe ich Stress?"
Die Frage ist: "Habe ich ein gesundes Verhältnis von Belastung und Entlastung?"
Säule 2: Grenzen setzen – Die wichtigste Fähigkeit für langfristige Leistungsfähigkeit
Das Problem mit Grenzen:
Als Steuerberater denkst du vielleicht: "Grenzen setzen? Unmöglich. Meine Mandanten brauchen mich."
Aber hier ist die Wahrheit: Wenn du keine Grenzen setzt, setzt irgendwann dein Körper sie für dich. Mit Krankschreibung.
Grenzen setzen bedeutet NICHT:
❌ "Ich nehme nie wieder neue Mandanten an"
❌ "Ich mache ab 17 Uhr Feierabend" (unrealistisch in der Steuersaison)
❌ "Ich bin nicht mehr erreichbar"
Grenzen setzen bedeutet:
✅ Bewusste Entscheidungen treffen
"Diesen Mandanten nehme ich an – aber dafür gebe ich einen anderen ab."
✅ Mikro-Grenzen im Alltag
"Heute mache ich um 18 Uhr Feierabend, um Energie für morgen zu haben."
✅ Erwartungsmanagement mit Mandanten
"Ich antworte auf E-Mails innerhalb von 24 Stunden – nicht innerhalb von 2 Stunden."
✅ Realistische Zeitfenster kommunizieren
"Diese Steuererklärung kann ich bis Ende April fertig haben – nicht bis nächste Woche."
Konkrete Strategien für den Alltag
1. Die 90-Minuten-Regel: Mikro-Regeneration im Arbeitsalltag
Wissenschaftlicher Hintergrund:
Dein Gehirn arbeitet in 90-Minuten-Zyklen (ultradian rhythm). Nach 90 Minuten intensiver Arbeit sinkt die Konzentration dramatisch.
Praktische Umsetzung:
90 Minuten fokussiert arbeiten
5-10 Minuten echte Pause (nicht E-Mails checken!)
Kurzer Spaziergang, Dehnen, Fenster öffnen
Effekt: Höhere Produktivität, weniger Fehler, mehr Energie
2. Erwartungsmanagement: Setze Grenzen, ohne Mandanten zu verlieren
Das Problem: Viele Steuerberater fühlen sich verpflichtet, sofort zu antworten.
Die Lösung: Kommuniziere proaktiv.
Beispiele:
Statt: Immer sofort antworten (und damit die Erwartung schaffen, du seist 24/7 erreichbar)
Besser: E-Mail-Signatur setzen:
"Ich beantworte E-Mails innerhalb von 24 Stunden während der Geschäftszeiten. In dringenden Fällen rufen Sie bitte an."
Statt: Jeden Notfall als Notfall behandeln
Besser: Klären, was wirklich dringend ist:
"Wann brauchen Sie das konkret? Bis wann muss ich es Ihnen liefern, damit Sie handlungsfähig sind?"
Statt: Unrealistische Deadlines akzeptieren
Besser: Gegenfrage:
"Diese Frist ist sportlich. Um das zu schaffen, müsste ich XY verschieben. Ist das für Sie okay?"
3. Mandanten-Triage: Nicht jeder Mandant ist dein Mandant
Die unbequeme Wahrheit: Manche Mandanten kosten mehr Energie, als sie Umsatz bringen.
Typische "Energie-Vampire":
Mandanten, die ständig zu spät liefern – und dann Druck machen
Mandanten, die deine Arbeit nicht wertschätzen
Mandanten, die unrealistische Erwartungen haben
Was du tun kannst:
✅ Analyse: Welche 20% deiner Mandanten verursachen 80% deines Stresses?
✅ Entscheidung: Kannst du diese Mandate abgeben? Umstrukturieren? Grenzen setzen?
✅ Umsetzung: Proaktiv kommunizieren oder (im Extremfall) Mandat kündigen
Wichtig: Das ist keine "Weichei-Strategie". Es ist strategisches Kapazitätsmanagement.
4. Die Kanzlei-Kultur: Mentale Gesundheit als Teamthema
Einzelkämpfer-Mentalität ist Gift.
Viele Steuerberater denken: "Ich muss das alleine schaffen."
Besser: Mentale Gesundheit zum Kanzlei-Thema machen.
Konkrete Maßnahmen:
✅ Offene Kommunikation
Sprich mit Kollegen über Belastung – nicht erst, wenn du zusammenbrichst.
✅ Vertretungsregelungen
Dokumentiere Prozesse, damit andere einspringen können.
✅ Gemeinsame Pausen
Etabliere feste Pausenzeiten (auch in der Steuersaison!).
✅ Externe Unterstützung
Coaching, Supervision, psychologische Beratung – nicht nur für "Schwache", sondern für alle, die langfristig leistungsfähig bleiben wollen.
Der systemische Blick: Ist es wirklich "nur" dein Stress?
Wann ist das Problem strukturell?
Nicht jedes Burnout-Risiko ist individuell lösbar. Manchmal ist die Kanzlei-Struktur das Problem.
Fragen, die du dir stellen solltest:
✅ Kanzlei-Kultur:
Gibt es eine Kultur, in der Erschöpfung als "normal" gilt?
Werden lange Arbeitszeiten stillschweigend belohnt?
✅ Prozesse:
Sind Prozesse so organisiert, dass Einzelpersonen austauschbar sind?
Oder hängt alles an dir?
✅ Führung:
Wird offen über Belastung gesprochen – oder ist Schwäche ein Tabu?
Kritische Erkenntnis:
Wenn deine Kanzlei zusammenbrechen würde, weil du eine Woche nicht erreichbar bist, ist das kein Zeichen deiner Unverzichtbarkeit. Es ist ein Zeichen schlechter Strukturen.
Dein 3-Stufen-Plan: Heute starten, nicht "irgendwann"
Stufe 1: Status Quo erfassen (diese Woche)
Ehrliche Bestandsaufnahme: Wie geht's dir wirklich?
Schlafqualität tracken (7 Tage)
Arbeitszeiten dokumentieren (wann arbeitest du tatsächlich?)
Frühwarnsignale identifizieren (Was sind DEINE Symptome?)
Stufe 2: Erste Stellschrauben drehen (nächste 2 Wochen)
Eine Gewohnheit ändern (z.B. keine E-Mails nach 20 Uhr)
90-Minuten-Rhythmus testen
Mit einer Vertrauensperson sprechen (nicht "alles okay" sagen)
Erwartungen mit einem Mandanten neu verhandeln
Stufe 3: Systemische Ebene angehen (Monat 2-3)
Gespräch mit Partner über Kanzlei-Kultur
Mandanten-Portfolio analysieren (Energie-Vampire identifizieren)
Langfristigen Plan entwickeln (Coaching, Umstrukturierung, ggf. Kanzleiwechsel?)
Fazit: Mentale Gesundheit ist kein Luxus – es ist eine Überlebensstrategie
Du hast nicht Steuerberater werden wollen, um mit 45 ausgebrannt zu sein.
Du hast diesen Beruf gewählt, weil du Menschen helfen, Struktur schaffen und Verantwortung übernehmen wolltest.
Das geht auch – ohne dich selbst aufzugeben.
Die wichtigsten Erkenntnisse:
✅ Steuerberater haben ein strukturell hohes Burnout-Risiko – das liegt nicht an dir
✅ Deine Persönlichkeit (gewissenhaft, pflichtbewusst) macht dich zusätzlich gefährdet
✅ Stress ist nicht das Problem – fehlende Entlastung ist das Problem
✅ Grenzen setzen bedeutet nicht "schwach sein" – sondern strategisches Kapazitätsmanagement
✅ Mentale Gesundheit ist kein Individualproblem – sondern ein Kanzlei-Kultur-Thema
Die entscheidende Frage ist nicht: "Schaffe ich das noch?"
Sondern: "Wie kann ich so arbeiten, dass ich in 10 Jahren immer noch Spitzenleistung bringe – ohne auszubrennen?"
Weiterführende Artikel

Über die Autorin:
Ann-Katharin Lorenzen ist Psychologin (M.Sc.), systemischer Coach und Therapeutin mit Spezialisierung auf mentale Gesundheit in Beratungsberufen. Sie arbeitet mit Steuerberatern, Anwälten und Führungskräften, die langfristig leistungsfähig bleiben wollen. Als Gründerin von LOR Mental Health kombiniert sie psychologisches Fachwissen mit datenbasierten Ansätzen sowie Sport- und Ernährungswissenschaft.



